Dienstag, April 11, 2006

 

Langzeitarbeitslose: Wie die Bundesagentur die Lage verschärft

S Ü D W E S T R U N D F U N K
F S - I N L A N D
R E P O R T MAINZ
S E N D U N G: 10.04.2006
http://www.swr.de/report

Autoren: Sebastian Bösel
Beate Klein
Kamera: Ole Jürgens
Uwe Müller
Michael Oberhofer
Schnitt: Holger Höbermann
Moderation Fritz Frey:
Fast fünf Millionen Arbeitslose. Die Zahl lastet schwer auf Deutschland, und man hat nicht den Eindruck, dass die Großkoalitionäre in Berlin den Stein der Weisen gefunden hätten, um den Arbeitsmarkt in Schwung zu bringen.

Und wenn es schon nicht genügend Jobs gibt, dann aber sollte die Vermittlung in die wenigen, die es gibt, funktionieren. Tut es aber nicht, so die Recherchen von Sebastian Bösel und Beate Klein. Ausgerechnet die Bundesagentur für Arbeit produziert mit einer fragwürdigen Vermittlungsstrategie mehr und mehr Langzeitarbeitslose. Dabei glauben viele, die arbeitslos werden, dort, bei der Agentur für Arbeit, wird ihnen geholfen. Einer von ihnen ist Adolf Döring.

Bericht:
Als Adolf Döring arbeitslos wurde, führte ihn sein erster Weg zur Agentur für Arbeit. Er dachte, dort bekommt er Hilfe, um wieder Arbeit zu finden. Aber:

O-Ton, Adolf Döring, Langzeitarbeitsloser:
»Mir wurde nichts angeboten, ich wurde zu nichts eingeladen, wenn ich mich nicht selber gemeldet habe, war der Kontakt tot. Wenn ich nicht wüsste, dass die Agentur für Arbeit hier steht, würde ich nicht wissen, dass es sie gibt.«

Er ließ sich nicht abwimmeln, bat einen Berater um eine Fortbildung. Er hatte in einem Betrieb das Lager gemanaged und wollte seine Computerkenntnisse verbessern.

O-Ton, Adolf Döring, Langzeitarbeitsloser:
»Es war eine Fortbildung als SAP/3, eine Software, die sehr wichtig ist und sehr viel verlangt wird. Wo meine Chancen einfach steigen würden. Und die wurde mir verneint. Schlichtweg ich wäre zu alt dafür.«

Denn mit 51 gehört Adolf Döring zu einer Gruppe von Arbeitslosen, um die sich die Agentur für Arbeit so gut wie nicht mehr kümmert. Ist das Zufall?

REPORT MAINZ liegen interne Papiere der Agentur für Arbeit vor. So genannte Handlungsprogramme. Aktuelle Leitlinien für die Vermittler. Arbeitslose werden danach in verschiedene Gruppen eingeteilt, je nach Vermittlungschance. Wer wie Adolf Döring keine guten Chancen hat, ist Betreuungskunde.

Paradox, Betreuungskunden werden gerade nicht mehr betreut und gefördert, weil
Zitat:
»Mittelfristig keine Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt mit vertretbarem Aufwand möglich.«
sei.
Die Bundesagentur bestätigt: Schwervermittelbare werden kaum noch gefördert, das lohne sich eben nicht mehr.
O-Ton, Ilona Mirtschin, Sprecherin Bundesagentur für Arbeit:
»Wenn sie jemanden haben, für den im Augenblick und auch über längere Zeit kein Arbeitsplatz zur Verfügung steht, dann ist der Beratungsbedarf im Regelfalle geringer.«

Zynisch, denn gerade diese Arbeitslosen, die intensive Beratung bräuchten, bekommen keine mehr. In den internen Anweisungen heißt es: Um einen Betreuungskunden muss sich ein Vermittler nur noch alle sechs Monate kümmern, macht zwei Gespräche in einem Jahr.

Die Vermittler konzentrieren sich auf die leichten Fälle, die schweren werden vernachlässigt. Eine unsoziale Geschäftspolitik. Zu diesem Schluss kommt auch der Arbeitsmarktexperte Stefan Sell in einer bisher unveröffentlichten Studie. Die Bundesagentur führe etwa jeden fünften Arbeitslosen so in die Langzeitarbeitslosigkeit.

O-Ton, Prof. Stefan Sell, Arbeitsmarktexperte FH Koblenz:
»Wenn die Betreuungskunden einfach links liegen gelassen werden, dann sind zwölf Monate, die sie Arbeitslosengeld I beziehen, verlorene Zeit. Und sie wachsen dann in die Langzeitarbeitslosigkeit hinein. Obwohl –vielleicht nicht bei allen, vielleicht auch nicht bei der Mehrheit, aber bei einigen, zwanzig, dreißig Prozent oder vierzig Prozent – eine realistische Chance bestanden hätte, sie vorher zu vermitteln. Und damit leistet man natürlich einen Beitrag, Langzeitarbeitslosigkeit zu produzieren.«

Zwölf verschenkte Monate im Arbeitslosengeld I, in denen die Menschen vergeblich auf Förderung, Weiterbildung hoffen. Sie werden durchgereicht ins Arbeitslosengeld II. Das bekommen sie hier. Wir sind in einem Jobcenter in Berlin.

O-Ton, Langzeitarbeitsloser:
»Ich hatte 10 ½ Monate noch Arbeitslosengeld I bezogen und Betreuung gab es gar nicht. Also keine Angebote, nichts.«
O-Ton, Langzeitarbeitsloser:
»Ich fühlte mich auf jeden Fall abgeschrieben. Wie gesagt, ich hatte ja mehrere Betreuer, bis ich dann endlich einen hatte, der für mich zuständig dann war. Und würde nur eine Weiterbildung bekommen, so wurde mir gesagt, wenn ich eine Arbeitsstelle vorweise.«

Für diese Menschen im Jobcenter ist nun die Kommune mit zuständig. Und vom Amtsleiter, Jens Meißner, kommt scharfe Kritik. Die Agentur für Arbeit verschlimmere mit ihrer neuen Geschäftspolitik die Probleme der Arbeitslosen. Hilfe käme viel zu spät.

O-Ton, Jens Meißner, Jobcenter Berlin-Treptow/Köpenick:
»Ich denke, dass der soziale Abstieg für die Person vorprogrammiert ist. Die sozialen Probleme nehmen zu. Sie werden deaktiviert, und im Jobcenter wird es dann um so schwieriger, dann wieder mit der Aktivierung zu beginnen. Sie zu qualifizieren, sie zu motivieren und dann zu vermitteln.«

Die Kommune mit ihren Jobcentern für Arbeitslosengeld-II-Empfänger müssen also das ausbaden was die Agentur für Arbeit verursacht, nämlich neue Langzeitarbeitslose.

Wir wollen vom zuständigen Arbeitsminister wissen: Ist das die neue Arbeitsmarktpolitik unter Franz Müntefering? Kein Interview, dafür nur eine Antwort per Mail.

Zitat:
»Es trifft nicht zu, dass die Bundesagentur für Arbeit so genannte Betreuungskunden in den Bezug von Arbeitslosengeld II ‚durchreicht’.«

Der Arbeitsminister leugnet einfach das Problem. Dagegen redete vor kurzem der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank Jürgen Weise, Klartext auf einer Fachtagung. Das belegt dieser interne Mitschnitt der Friedrich-Ebert-Stiftung. Er bestätigt das Durchreichen schwer Vermittelbarer. Dies sei der Wunsch des Auftraggebers, der Politik.

O-Ton, Frank Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender Bundesagentur für Arbeit, 15.03.2006:
»Die Agentur hat keinen sozialpolitischen Auftrag. Denn dann muss mir mein Auftraggeber sagen, soll ich wie im Krankenhaus hundert Schwerstfälle mit ganz hohem Mitteleinsatz retten oder Tausende von Leichtverletzten.«

Um im Bild zu bleiben, von der Bundesagentur werden die Schwerverletzten, also die schwerer vermittelbaren wie Adolf Döring, nicht mehr gerettet. Und die Politik glaubt immer noch, dass keiner merkt, was längst Wirklichkeit ist.

O-Ton, Frank Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender Bundesagentur für Arbeit, 15.03.2006:
»Die Agentur hat keinen sozialpolitischen Auftrag.«
Abmoderation Fritz Frey:
Keinen sozialpolitischen Auftrag. Im Klartext: Die Bundesagentur lässt die Langzeitarbeitslosen links liegen. Wir denken, dass die Politik bei einem solchem Amtsverständnis nicht tatenlos zusehen sollte.


Michael Knuth
Unterm Wulfhorn 1
38855 Wernigerode
Tel: 03943 557286
Fax: 03943 6265931
WEB: http://wa.michael-knuth.de


Comments: Kommentar veröffentlichen



<< Home

This page is powered by Blogger. Isn't yours?

Hier klicken, um diesen Gespraechspartner einfach und kostenlos anzurufen!
GoYellow - Branchenbuch

Sponsored By: